… die Geschichte eines Samstags in der Innenstadt betreffend
Die Mädchen – aus der Ferne noch als solche erkennbar, obwohl längst in ihren besten Jahren angekommen – machten sich auf den Weg in die Innenstadt. Ein Samstag, ein erhofftes Getümmel, ein Ritual, das sie über Jahre, Jahrzehnte, fast schon Epochen zusammenhielt. Sie sprachen über dies und das, Klatsch und Tratsch, Familienfäden. So sind eben Schwestern: unterschiedlich gewachsen, doch im Kern von Anfang an in dieselben Geschichten geworfen, darin das Schwimmen gelernt, darin untergegangen, zu viel vom salzigen Wasser fremder Tränen getrunken und wieder aufgetaucht mit wunden Augen.
Sie sprachen, sie lachten und glaubten, einander nah zu sein. Dabei trug jede die Schlüssel zum Keller der anderen um den Hals. Jede kannte den Einstieg der Schwester; Treppen hinunter gab es zuhauf. Also suchten sie nach den richtigen, den harmlosen Worten und schunkelten von Story zu Story durch die Straßen ihrer Heimatstadt. Onkel, Tanten, Ahnen, Zeiten – ein Kommen und Gehen wie Gezeiten.
Der Tod, die alten Knochen – die Schwestern schleppen sie mit: gammelige Gebeine, versteckt in neuen Taschen, über Knochen gestolpert in teuren Lederschuhen mit hohen Absätzen, getarnt und kampferprobt. Jede auf ihre Art.
Doch an das, was gewesen war und gerade ist, wagen sie sich nicht. Niemals. Die Fragen, wer sie sind, warum und wieso, ertränken sie in Wein und kostbarem Tee. Sie tragen schwer an ihren Zeiten und merken es nicht. Meinen eigenen Knochen täte es gut, ließen wir die alten, schweren Säcke liegen und verwesen, bis sie nur noch Kalkstaub sind. „Lebt wohl, ihr Epochenknochen!“, sollten wir rufen und das Leben feiern.
Aber verdammt – an welchem Hals hängt bloß mein Kellerschlüssel.



