- Hallo? Mama?“
Zunächst hörte man dazu noch ein zaghaftes Klopfen und die Stimme einer jüngeren Frau, die sagte: „Mama, bitte, mach die Tür jetzt wieder auf! Das geht ganz einfach, vertrau mir.“ Manchmal reichte ein einziges falsches Wort – und schon stand sie wieder vor einer verschlossenen Tür, auf der falschen Seite. Ihr Pochen wurde schneller, fast panisch. „Mama, mach jetzt bitte wieder auf. Hier ist jemand, der dich gern sehen möchte.“ Sie wusste selbst, dass das nicht stimmte. Aber vielleicht half es.
Die Zimmertür, die die beiden trennte und mit Klopfen bearbeitet wurde, war alt, feucht und wurmstichig. Dennoch stabil, ein solide gearbeitetes Meisterstück aus Nussbaum.
„Mach doch bitte wieder auf. Mama. Du hast das falsch verstanden. Ich habe es doch gar nicht so gemeint.“
Es pochte wieder an der Tür. Im verschlossenen Raum, also auf der anderen Seite, lauschte jemand den Geräuschen und der Stimme. Eine dunkel gekleidete, ältere Frau. Früher wusste sie, wie sie sich elegant anziehen konnte. Sie hatte immer viel Wert auf ihr Äußeres gelegt. Nun saß sie auf einem Hocker, dessen Sitz mit rosa Plüsch bezogen war, mit dem Rücken an die Tür gelehnt. Ihre Haltung ließ Traurigkeit erahnen, die Arme hingen kraftlos an beiden Seiten des Körpers herunter, der Rücken war nach vorn gebeugt. Ihre Unterlippe zitterte. Sie presste die Zähne zusammen, um die Tränen zurückzuhalten.
„Mama?“
Die Anspannung im Gesicht ließ etwas nach, und die Frau drehte den Oberkörper zur Tür. Zärtlich strich sie über das Holz und schloss dabei ihre Augen. Sie atmete tief ein und aus. Das Aroma von Leinöl stieg ihr durch die Nase in den Kopf. Das erinnerte sie an etwas.
Sie dachte angestrengt nach. Das Bild dazu war da, ganz nah, und doch entglitt es ihr. Etwas Vertrautes, das keinen Namen mehr hatte. Wörter, die früher selbstverständlich gewesen waren, lösten sich auf. Sie suchte danach, tastete in ihrem Inneren umher, aber alles verlief sich. Im Kopf ging sie Straßen entlang, die sie kennen sollte. Doch am Ende stand eine Mauer. Sie blieb davor stehen.
Allein. Und das war schlimm.
Draußen klopfte es erneut. Noch ein wenig lauter als zuvor. Trotzdem blieben es gedämpfte Töne. „Komm, Mama sei doch lieb und mach die Tür auf. Mama? Wir möchten doch nur mit dir reden. Du musst wieder aufschließen.“ Die Stimme klang weit weg. Fast beruhigend.
„Mama, Mamutschka, bitte!“
Die Frau legte vorsichtig ihr linkes Ohr ans Holz. So solide gearbeitet, und doch spürte sie das Beben des Klopfens an ihrer Wange. „Müssen die denn immer so einen Lärm machen, zu so später Stunde?“ fragte sie sich leise. War es Tag? Oder später Abend? Manchmal wusste sie es nicht mehr.
„Mama?!“ hörte sie von der anderen Seite der Tür. Sie wiederholte das Wort mehrmals laut.
„Mama, Amam, Mama, Amam.“ Es schallte in ihrem Kopf wie in den Alpen. Wie heißt der Bürgermeister von Wesel, kam es ihr urplötzlich in den Sinn. Man rief etwas und jemand Unsichtbares antwortete. Esel… Da war dieser Tag… Wichtig, irgendwie, soweit konnte sie sich erinnern. Sie sahen von ganz weit oben auf einen himmelblauen See, den die Sonne leuchten ließ. Sie war sehr glücklich, denn da war noch jemand bei ihr. Aber wer? Und wann war das? Es fiel ihr nicht mehr ein. Nur dass es schön war. Der Rest war weg.
„Los, jetzt mach wieder auf! Mensch Mama! Langsam werde ich sauer.“
„Mach nicht solch einen Krach! Ich bin müde. Ich will schlafen.“
War sie nicht in ihrem Schlafzimmer? Jedenfalls standen da ein schwarzer Koffer und eine braune Handtasche. Die hatte sie schon einmal gesehen, da war sie sicher. Aber was sollte das denn jetzt bedeuten? Wollte sie etwa auf eine Reise gehen?
„Du kannst dich später ausruhen. Schließ jetzt sofort auf!“
„Nein, ich will jetzt sofort schlafen, und Sie führen sicherlich nichts Gutes im Schilde,“ gab die Frau energisch als Antwort. Gleichzeitig erhob sie sich von ihrem Sitzplatz, nahm den rosa Hocker in die Hände und trug ihn wie einen Pokal durch das Zimmer. Vor dem Toilettentisch stellte sie ihn sanft ab.
Die Frau lächelte und flüsterte liebevoll: „Mein einbeiniger Flamingo. Hast du auch einen Vogel? Mein lieber Freund. Was du schon alles gesehen hast.“ Sie strubbelte den Zottelplüsch mit beiden Händen. Dann nahm sie darauf Platz.
„Mami mach jetzt endlich die Tür auf! Wir hatten doch alles besprochen.“
Sie schaute vor sich. Der Tisch verfügte über eineSchublade für die feine Unterwäsche und eine Tür für die Schmuckschatulle. Darauf befestigt war ein dreigliedriger Spiegel zum Aufklappen. Auf der Glasplatte davor standen einige Bilderrahmen mit Schwarzweißfotos.
Von draußen wurde nun scheinbar mit der flachen Hand gegen das Holz gehauen.
„Was wollen Sie? Ich bin beschäftigt!“ rief die Frau mit erstaunlich klarer Stimme durch den Raum. „Verschwinden Sie, ich kenne Sie nicht.“ Sie schüttelte ungläubig den Kopf. „Was fällt denn dieser Person eigentlich ein?“ murmelte sie.
Sie hatte nun die Spiegelteile wie einen Altar aufgeklappt, sodass sie sich nicht nur von vorn, sondern von allen Seiten betrachten konnte. „Ich kenn dich,“ sagte die Frau zu der Person, die ihr entgegenblickte. „Ich glaube, ich habe dir mal die Haare frisiert. Ist aber schon ein Weilchen her.“
Ihre Hände tasteten auf der Glasplatte und griffen in eine längliche Schale, in der eine Haarbürste lag. Ein klassisches Stück, aus Elfenbein gearbeitet und mit den Initialen HW auf dem Rücken verziert. Langsam ließ sie jeden Finger einzeln über die Borsten gleiten.
Wer war noch einmal HW?
Sie schüttelte den Kopf. Sie war sich sicher, diese silberfarbenen Buchstaben schon einmal gesehen zu haben. Dann legte sie die Bürste zurück und griff nach einem der Bilderrahmen. Auf dem Foto waren zwei Menschen zu sehen. Ein Mann in einem schwarzen Anzug und eine Frau im weißen Kleid. Sie trug einen Schleier. Davor standen zwei dralle Kinder, ein Junge und ein Mädchen, mit Blumenkörben in den Händen. Sie lachten und waren gerade dabei, die Blüten vor sich auf den Weg zu werfen. Die Frau auf dem Foto hatte sich fest beidem Mann untergehakt und schaute ihn an. Warm. Vertraut. Er schaute freundlich lächelnd und stolz in die Kamera.
Die Frau vor dem Spiegel hielt den Rahmen in der linken Hand. Die Linke kommt von Herzen, dachte sie und schloss die Augen. Plötzlich tauchten aus ihrem Kopf Bilder wie Blitzlichter auf. Harald? Ja! Genau. Er fragte mich, ob ich ihn will. In Österreich. Ganz oben auf einem Berg. In ihrer Erinnerung spürte sie erneut die Wärme der Sonne ganz deutlich auf ihren Wangen. „Ja“, rief die Frau vor dem Spiegel mit geschlossenen Augen – „ich will dich!“ Und der Berg in ihrem Kopf warf die Antwort zurück ins Zimmer.
Das Klopfen setzte wieder ein. „Mutti, ich bin es doch, deine Tochter. Du hast geschrien. Ist alles in Ordnung?“
„Ich habe keine Tochter, Sie sind ja verrückt.Verschwinden Sie endlich!“
Die Frau öffnete die Augen. Ihr Blick fiel auf einen anderen Gegenstand vor ihr auf der Glasplatte. Es war eine Flasche mit goldgelber Flüssigkeit, daran befestigt baumelte ein Stoffball. Sie griff mit der Hand danach und drückte den Ball ganz vorsichtig zusammen. Ein süßer, schwerer Duft erfüllte den Platz zwischen ihr und dem Spiegel. Oh, das duftete himmlisch!
Sie blickte kurz hinter sich, denn ihr war gerade so, als ob noch jemand im Raum stand. Wie vertraut ihr auf einmal alles war. Harald, dachte sie, und es fühlte sich wie Zuhause an.
Sie schaute noch einmal zum Spiegel. Sie sah blaue Augen, kurze graue Haare, Perlen an den Ohren. Einen schwarzen Rollkragenpullover. Am Ringfinger der linken Hand steckten zwei Goldreifen. Plötzlich erschien in ihrem Gesicht ein Erkennen.
„Natürlich weiß ich es. Du bist Hannah. Und ich bin es auch.“ Sie lächelte ihr Spiegelbild verschmitzt an.„Ich glaube, es wird alles gut werden.“ Und dann: „Wir sind jetzt mutig, meine Liebe!“ sagte sie zu ihrem Gegenüber.
Wieder schlug jemand auf das Holz. „Mama? Antworte! Bitte mach jetzt die Tür auf!“
Die Frau stützte sich auf der Glasplatte ab, erhob sich langsam vom Hocker und ging zur Tür. „Ich kann sie nicht öffnen,“ sagte sie. „Wie soll das gehen?“ „Du musst bloß aufschließen“, antwortete ihre Tochter von draußen. „Du kannst das noch.“„Aber wo ist denn dieses Dings, dieses, ach, das mit den Zähnen,“ sagte die Frau. „Mama, das ist ganz leicht, er steckt ja schon drin. Dreh ihn einfach Richtung Fenster, dann springt die Tür auf.“
Die Frau griff zögernd mit der Hand ans Metall. Ihr war kalt. Etwas in ihr sagte jedoch, sie müsse keine Angst haben – alles sei vorbereitet.
„Mama, schaffst du es?“, fragte die Stimme.
„Ja!“, antwortete die Frau und drehte am Schlüssel. Von außen wurde die Klinke nach unten gedrückt
„Da bist du ja. Das hast du richtig gut gemacht, Mama!“ sagte die Tochter und nahm die Mutter fest in die Arme.
Die Frau legte die Stirn in Falten und fragte: „Kennen wir uns nicht? Sie sind doch auch eine Mama, nicht wahr?“
„Komm, wir gehen jetzt zum Auto, die anderen warten schon auf uns“, sagte die Tochter.
Die Frau drehte noch einmal den Kopf und schaute hinter sich. „Aber ohne den Flamingo gehe ich nicht in diesen neuen Käfig. Der Vogel muss mit.“







