Interview mit einem Dämon – eine Fingerübung

Wir treffen uns an einem Montag, kurz nach dem zweiten Frühstück. Der Auftrag meiner Redaktion ist klar: Am Ende des Tages soll ein druckreifes Interview mit einem echten Dämon stehen. Unter uns: Ich bin sehr nervös.

Kjm: Guten Morgen, vielen Dank für Ihre Zeit. Vorab vielleicht eine Frage: Wie darf ich Sie ansprechen?

Nun, lassen Sie uns gern beim Sie und gegebenenfalls bei Herr D. bleiben.

Kjm: Danke! Es wird ja mal wieder Herbst, der Sommer geht dem Ende zu. Trübsinn hält Einzug. Das sollte doch der Beginn Ihrer ganz persönlichen Saison sein. Welche Erwartungen haben Sie an sich selbst und Ihre Arbeit, jetzt, da es wieder früher dunkel und kühler wird?

Oh, mit dieser Frage eröffnen Sie ein weites Feld. Lassen Sie es mich einmal so erklären: Meine Aufgabe lautet ganz klar, jetzt, wo meine Kunden gezwungen sind, sich aufgrund der misslichen Weltlage, persönlicher Krisen und gelegentlich auch der Wechseljahre ihren Ängsten zu stellen, als Erstes ständige Selbstkritik in ihre Köpfe zu setzen.

Das Opening geht ungefähr so:

„Was hast du denn da schon wieder gemacht? Du bist einfach zu blöd!“

Kjm: Und das macht Ihnen Freude?

Aber ja, das ist Musik in meinen Ohren. Davon kann ich nie genug bekommen. Mein Lebenselixier ist es, meinen Klienten einzureden, nicht gut genug für alles Mögliche zu sein.

Kjm: Mit welcher Strategie erzielen Sie die größte Wirkung?

Nun, gut Ding will Weile haben. Nach der Eröffnung fange ich zunächst damit an, eine zusätzliche Trägheit zu implementieren. Damit führe ich die Leute in die Irre. Sie halten ihre Niedergeschlagenheit für Müdigkeit und legen sich wieder ins Bett.

Damit ist der Anfang gemacht.

Sie kommen ins Grübeln. Eines führt zum anderen. Sie stellen Fragen nach dem Sinn ihres Lebens.

Kjm: Und dann? Wie gehen Sie weiter vor?

Ich zwinge sie dazu, in ihrer Vergangenheit zu wühlen. Während sie hilflos und schutzlos dasitzen, schlägt meine Stunde. Ich hole die alten Konflikte aus meiner Kiste und mache meine Kundschaft darauf aufmerksam, dass sie diese Situationen ewig und drei Tage mit sich herumtragen wird.

Er schlägt die Beine übereinander, krault sich den Bart und schaut mich erwartungsvoll an.

Kjm: Und wie reagieren die Leute dann? Was ist der nächste Schritt?

Wenn es gut läuft, sage ich gern:

„Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“

Das ist von Nietzsche, ganz nebenbei bemerkt. Ich dachte, ich führe Sie als Anfängerin ein wenig in die deutsche Philosophie ein.

Kjm: Äh, danke! Trotzdem: Wie hoch ist die Erfolgsquote?

Tja, seit sich diese Influencer*innen mit ihren Lebenstipps auf Instagram breitmachen. Yoga, Sport, Veganismus, innerer Frieden, Freunde und immer diese Liebe.

Es läuft nicht mehr richtig gut.

Selbst die Frauen hören nicht mehr auf mich.

Ich kämpfe inzwischen zunehmend um meine Existenz.

Kjm: Und wie gehen Sie mit Niederlagen um? Wie kompensieren Sie Ihren Frust?

Es war ein langer, schmerzhafter Weg zur Erkenntnis, aber ich schule gerade um, Richtung Lebensberatung. Ich muss mein Portfolio erweitern. Es geht um Diversifikation, Neukundenakquise und darum aufzuzeigen, wo persönliches Wachstum nötig ist.

Die Zeiten haben sich geändert.

Und bei meiner Expertise? Es wäre doch Verschwendung, diese brachliegen zu lassen.

Finden Sie nicht auch, meine Liebe?

Hören Sie auf, mich als „Dämon“ zu bekämpfen. Sie müssen mich auch verstehen. Ohne mich wären Sie gar nichts.

Und jetzt steigen Sie endlich aus dem Bett und putzen Sie Ihre Zähne!

Kjm: Vielen Dank für das Gespräch!